Tel +49 (30) 814504070

Andreas Gohr
04.11.2009 10:46 Uhr

Mehr Wiki wagen

Tags:

Seit einigen Wochen gibt es Streit um die (deutsche) Wikipedia. Auslöser war ein gelöschter Artikel zum Verein Mogis und ein dazugehöriger Post von Fefe. Ich will das nicht alles wiederkauen, hier also mal ein paar (automatische) Links1):

Ich denke allen dürfte inzwischen klar sein, dass die Wikipedia als Gemeinschaftsprojekt ein echtes Problem hat. Ein großer Teil der Gemeinschaft fühlt sich ausgeschlossen und nicht länger willkommen.

Nun bin ich kein großer Wikipedia-Spezialist. Ich habe in der Vergangenheit hin und wieder mal was verbessert, darauf beschränkt sich meine Mitarbeit aber schon. Dennoch habe ich als Wiki-Anwender und -Entwickler ein paar Ideen.

Momentan können nur Administratoren Seiten löschen. Die Anzahl an Administratoren ist begrenzt. Momentan sind das so um die 300. Das heisst diese 300 müssen jeden Tag ein große Menge an Entscheidungen treffen. Oft dürfte das ziemlich einfach sein, Spam und Spass-Einträge sind relativ schnell erkannt und können ohne große Diskussion gelöscht werden. Dennoch ist das ein nicht zu vernachlässigender Aufwand.

Hinzu kommen die Löschanträge deren Entscheidung nicht so einfach ist. Um auch hier den Aufwand gering zu halten und einigermaßen konsistente Entscheidungen zu treffen, hat man sich irgendwann auf Regeln geeinigt: die momentan so umstrittenen Relevanzkriterien.

Eine Liste von allgemeinen Regeln was in die Wikipedia soll ist sicherlich notwendig und gut. Dennoch sollten sie eher Guideline denn Gesetz sein. Die Relevanzkriterien in Ihrer momentanen Form sind allerdings auf jeden Fall überholungsbedürftig.

Aber. Das eigentliche Ursprungsproblem ist meiner Meinung nach der (verglichen zur Artikel- und Nutzeranzahl) sehr kleine Kreis der Administratoren und das damit einhergehende Machtungleichgewicht.

Mein Vorschlag ist dazu ist relativ simpel:

  1. Abschaffen des Löschprivilegs für Admins
  2. Löschen und Wiederherstellen als normaler Edit-Workflow
  3. Löschdiskussionen auf der Artikel Diskussionsseite

Richtig. Ich will das jeder eine Seite löschen kann. Das ist überhaupt nicht so radikal wie es sich anhört. Genau genommen ist das auch jetzt schon möglich. Jeder kann eine Seite editieren und einfach den gesamten Inhalt löschen. In MediaWiki ist das nicht genau das selbe wie Löschen, macht aber im Endeffekt für den Nutzer keinen Unterschied.

Selbstverständlich muss, wenn jeder eine Seite löschen kann, die Seite auch durch jeden wieder herstellbar sein. Das bedeutet zudem auch, das gelöschte Inhalte weiterhin für jeden in der Historie einsehbar bleiben. Das ist im Übrigen kein Speicherproblem. Gelöschte Artikel werden nämlich auch jetzt schon aufgehoben - sie sind aber nur von Admins einsehbar.

Die genannten Änderungen werden dazu führen, dass vermutlich mehr Seiten gelöscht werden, aber eben auch wieder hergestellt. Daher macht es meiner Meinung nach Sinn, die Diskussion dazu – genauso wie inhaltliche Diskussionen – auf der Diskussionsseite des Artikels zu führen.

Letztendlich würde damit die Entscheidung der Löschung eines Artikels aus den Händen einiger weniger, zurück in die Hände der Community gegeben.

Sei mutig. Assume good faith.

1) Danke an Avatar
Bookmark and Share

Kommentare

Torsten
2009/11/04 11:08

„Guideline“ und „Richtschnur“ empfinde ich als Synonym - Du willst wahrscheinlich sagen, dass die Richtlinien nicht absolut streng ausgelegt werden sollen? Oder umgekehrt?

Löschdiskussionen auf der Artikellöschseite zu lassen wäre ein Konsistenzproblem. Warum es derzeit nicht gemacht wird: Viele wenig konstruktive Wikipedia-Beitragende schreiben ihren Spam und dunklen Verschwörungstheorien, Beleidigungen und Mutmaßungen überall hin, wo es nicht gelöscht wird. Dass Wikimedia noch nicht in grund und Boden geklagt wurde, ist kein kleines Wunder - aber wohl auch Folge dieser Policy.

Um das Problem der Übersichtlichkeit zu lösen müsste man die komplette MediaWiki-Software umschreiben und das Userportal komplett neu organisieren.

Wie sieht es aus mit Editwars? Wieso glaubst Du, dass Löschungen im normalen Editflow die Löschdiskussionen nicht einfach wieder in den Artikel verlagern - was für den unbeteiligten LEser dann noch viel verwirrender wäre als eine Löschdiskussion an anderer Stelle?

Andreas Gohr
2009/11/04 11:24

Ja. Richtschnur war blöd. Ich hab das mal gegen „Gesetz“ ausgetauscht.

Klar würde es Editwars geben. Aber die gibt es jetzt auch schon. Wir sollten uns von dem Gedanken frei machen, dass das Löschen eines Artikels etwas anderes ist als ihn zu bearbeiten. Alle Mechanismen die momentan zu POV, Vandalismus und ähnlichem eingesetzt werden sind genauso gut auch für das „Löschen“ einsetzbar.

Torsten
2009/11/04 11:40

Aber es ist etwas anderes: Gelöschte Artikel sind für den Normaluser nicht mehr zu sehen. Das ist der Kern des Löschens.

Also ist Deine Forderung nicht das Löschprivileg abzuschaffen, sondern das Löschen an sich?

Tim 'avatar' Bartel
2009/11/04 11:42

Nur der Vollständigkeit halber: Auch diese Idee ist nicht neu (zusammen in einer Reihe u.a. mit „Adminaktionen per Zufall an Nutzer deligieren). Zu den Anfängen der WP war es auch so, dass jeder Nutzer, der interessiert war, auf Nachfrage Admin-Rechte bekommen hat.

Ich vermute, dass das System heute zu groß/umfangreich ist, als dass das noch funktionieren würde. Interessanter wäre allerdings, mal in den Diskussionsarchiven zu graben, was damals so zum Thema diskutiert wurde. Nur leider braucht man da Wikiarchäologen zu.

Andreas Gohr
2009/11/04 12:04

@Torsten nein ich will das Löschen nicht abschaffen. Aber ich will einem „normalen“ User die Möglichkeit geben:

  • zu sehen dass der Artikel mal existiert hat
  • die alten Versionen in der History anzusehen
  • und bei Bedarf den Artikel wieder herzustellen

PS: Ja ich bin da vorbelastet weil das eben in DokuWiki genau so implementiert ist. Wer will darf gerne mal auf www.dokuwiki.org einen Artikel löschen (editieren → leer machen → speichern) und ihn wieder herstellen (old revisions → auswählen → edit → speichern).

Rolf Langhoff
2009/11/04 13:24

Das einfache Löschen und Wiederherstellen von Textversionen ist nach meinem Verständnis eine der wichtigsten Grundfunktionen eines Wikis.

Damit wird u.A. Vandalismus aufwendiger wie die Reparatur durch Wiederherstellung, und damit sehr wirkungsvoll eingedämmt.

Durch die Mogis-Diskussion ff. ist mir erst aufgefallen dass ausgerechnet bei dem großen Vorzeigeprojekt Wikipedia gerade diese Basisfunktion praktisch lahmgelegt ist.

So verstehe ich den Vorschlag von Andreas als eine „Wiederentdeckung der Grundfunktionen“. (Wenn das mit Wikimedia nicht möglich ist, vielleicht Umstieg auf DokuWiki :-))

Aber die Diskussion wird an manchen Stellen schon so persönlich geführt,da steht vielleicht bald eine neue deutsche Teilung an: Eine Wikidedia für Includisten und eine weitere Wikipedia für Excludisten.

Matthias Schwenk
2009/11/08 13:09

Ich bin mir da nicht so sicher, ob das eine gute Idee ist. Bei Wikis, die in Unternehmen implementiert sind, kann man das natürlich so praktizieren, da es hier eine allgemeine Disziplin gibt.

Bei der Wikipedia glaube ich nicht daran: Das freie Löschen von Artikeln könnte destruktiv veranlagte Zeitgenossen dazu bringen, einfach mal den Artikel über Mozart zu löschen, andere müssten ihn dann schnellstmöglich wiederherstellen.

Das eigentliche Problem liegt meines Erachtens viel tiefer: War die Wikipedia anfangs ein eher technisches Projekt, bei dem man mit IT-Affinität und viel „gesundem Menschenverstand“ konstruktiv mitwirken konnte, gelangt bei zunehmender Größe dieses Lexikons die Allgemeinbildung an ihre Grenzen und es bedarf jetzt eigentlich spezieller Fachredakteure, die in einem Wissensgebiet so tief drin sind, dass sie richtige von falschen Textänderungen unterscheiden und im Zweifel auch Artikel löschen können.

Viele Administratoren dürften damit überfordert sein, was man ihnen bei ihrem ehrenamtlichen Engagement nicht einmal zum Vorwurf machen kann.

Kam
2009/11/08 23:47

Es ist immer gut, wenn auch etwas „gewagte“ Vorschläge zur Verbesserung der Wikipedia gemacht werden, auch um vielleicht einfach mal zum Überdenken eingefahrener Denkprozesse anzuregen.

Aber ich halte die Vergabe der Löschknöpfe an alle User aus verschiedenen Gründen für ein Projekt wie die Wikipedia nur schwer machbar. Es würde IMO eine Menge zusätzliches Chaos verursachen. Ein Problem wären beispielsweise diejenigen gelöschten „Artikel“, die Urheberrechtsverletzungen, Beleidigungen, Drohungen, Verleumdungen, Holocaust-Leugnungen und andere strafrechtlich relevante Inhalte oder auch z. B. sensible Informationen über Minderjährige beinhalten. Die verursachen bisher nur deshalb keine Probleme für die Wikipedia, weil sie nur von einer relativ begrenzten Anzahl von vertrauenswürdigen Usern (ca. 300 Admins) einsehbar sind, und nicht von jedermann. In besonders delikaten Fällen gibt es ja sogar die Oversight-Funktion, durch die dann nicht mal mehr Admins auf die hiermit markierten gelöschten Versionen zugreifen können.

Andererseits möchte ich lieber nicht sehen, was so etwas in manchen Themenbereichen wie Antifa vs. Rechtsextreme, Evangelikale vs. Homosexuelle, Linke vs. Neoliberale, Balkan, Makedonien, Islam, etc.. anrichten könnte. Dort haben sich im Laufe der Jahre teilweise richtige Feindschaften mit sehr verhärteten Fronten entwickelt, die sich leider dann oft auch auf andere Artikel ausbreiten und zu vielen Problemen wie Editwars, Rache-Löschanträgen, Online-Stalking auch außerhalb der WP, etc.. führen. Da werden dann z. B. dutzende Sockenpuppen-Accounts angelegt und mit Mini-Edits gefüttert, damit man sie dann Monate später in Diskussionen und Meinungsbildern gegen „den Feind“ verwenden kann. Die Artikel kann man zumindest in den meisten Fällen durch Sperren der Bearbeitungsfunktion vor allzugroßem Schaden schützen. Hätte jetzt jeder dieser Streithansel auch die Möglichkeit zum Löschen beliebiger missliebiger Artikel, würde das hässlich werden. Was macht man, wenn ein User einen Artikel immer löscht und ein anderer ihn immer wiederherstellt? Irgendwann müsste eingegriffen werden um das Hinundher zu beenden - nur welcher von beiden hat Recht? Also wieder langwierige Diskussionen über die Relevanz des Themas.

Im Endeffekt würden wahrscheinlich noch mehr Artikel als bisher gelöscht, da keine Diskussion mehr vorher stattfindet. Also genau das Gegenteil von dem, was in den vielen Blogbeiträgen gefordert wird. Da wäre es mir beträchtlich lieber, die Kriterien für die Vergabe der Adminfunktionen zu senken.

@Matthias: So etwas in der Art gibt es ja schon in einigen Teilbereichen der Wikipedia. Im Biologie-Bereich (dessen Artikelqualität einiges über dem WP-Durchschnitt liegen dürfte) werden mangelhafte Artikel schon länger von den Fachkundigen dort bearbeitet und auch von ihnen gelöscht, statt diese Artikel der Meute auf den normalen Löschkandidatenseiten zu überlassen. Ist aber auch nicht ganz unumstritten innerhalb der WP.

Sebastian
2009/12/15 09:25

@Kam: nicht einen Löschknopf, sondern einfach 'Edit',allen Text löschen, 'Save'.

Was mir bei der ganze Diskussion aufgefallen ist:

* es gibt stehen Vorschläge wie das derzeitige System verbessert/korrigiert werden könnte im Raum

* nach meinem Empfinden nehmen Admins hauptsächlich eine 'ich poche auf das Relevanzkriterium' Haltun ein anstatt sich mit den Benutzern konstruktiv auseinander zu setzen. Andi hat hier ja schon auf das Ungleichgewicht zwischen Benutzern und Admins hingewiesen.

* oft werden Vorschläge schon versucht im Keim zu ersticken aufgrund von komplizierten Einzelfällen/Sonderzenarien die, da bin ich mir sicher, in der Vergangenheit auch erst im laufe der Zeit ihren richtigen 'Workflow' erhalten haben.

* leider ist es auch hier so, dass wegen Wenigen (Trolle, Vandalen, Löscher,…) der Rest leiden und die resultierenden Konsequenzen tragen muss

* Ich hätte nichts gegen eine Qualitätskennzeichnung im Sinne von HQ Enzyklopedie und Allgemein wissen, oder fertig/Baustelle. Dies könnte ja über eine Abstimmung im Artikel geregelt werden

Kommentar erstellen




Wenn Sie die Buchstaben auf dem Bild nicht lesen können, laden Sie diese .wav Datei herunter, um sie vorgelesen zu bekommen.

Über CosmoCode

CosmoCode ist ein Berliner IT-Dienstleister mit starkem Fokus auf Webapplikationen. Zu unseren Schwerpunkten gehören dabei Content Management Systeme, Wikis und Individuallösungen.

Abonnieren

Abonnieren Sie mögen unser Blog? Bleiben Sie informiert mit RSS.